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Studie | Einfluss gewalttätiger Angriffe auf politische Partizipation von Frauen

Die Beleidigungen, Bedrohungen und tätlichen Angriffe, denen kommunalpolitisch Engagierte immer stärker ausgesetzt sind, führen nicht dazu, dass Frauen sich aus diesem Feld zurückziehen. Eine Studie der Forscher Jeyhun Alizade und Fabio Ellger vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung mit internationalen Co-Autoren belegt für Deutschland anhand von Statistiken und Umfragedaten: Weder die Häufigkeit noch die Schwere politischer Angriffe beeinflussen den Anteil von Kandidatinnen auf den Wahllisten der betroffenen Gemeinden negativ. Dass die zunehmende Gewalt Frauen auf kommunaler Ebene nicht einschüchtert, gilt allerdings nur für die, die ohnehin hoch motiviert sind. Frauen, die sich als politisch weniger interessiert beschreiben, werden durch das steigende Risiko durchaus von einer möglichen Kandidatur abgehalten. Dieses „Pipeline-Problem“ trifft auf eine Situation, in der Frauen deutlich unterrepräsentiert sind: In neun von zehn deutschen Rathäusern regiert ein Mann, der Frauenanteil in lokalen Räten liegt bei unter einem Drittel.

Nach Angaben des Bundesinnenministeriums nahmen die Angriffe auf Politikerinnen und Politiker im Jahr 2023 um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, 2024 gab es einen erneuten Anstieg um 20 Prozent. Es stellt sich die Frage, ob diese Entwicklung Einfluss auf die politische Teilhabe bislang ohnehin unterrepräsentierter Gruppen hat. Zur Beantwortung dieser Frage verband das Forscherteam zwei empirische Zugänge. Für mehr als 2.000 Gemeinden in Baden-Württemberg, Brandenburg, Sachsen, Thüringen und Hessen wurde der Zusammenhang zwischen Angriffen auf politisch Aktive und dem Anteil von Kandidatinnen bei Kommunalwahlen untersucht. Außerdem wurden über 3.500 Menschen mit Informationen über die steigende Gewalt konfrontiert und anschließend nach ihren politischen Ambitionen befragt.

Die Auswertung der Listen bot eine Überraschung: Selbst dort, wo es zu gravierenden Übergriffen kam, lässt sich kein Rückzug von Frauen aus der lokalen Parteipolitik beobachten. Die Repräsentation von Frauen auf kommunaler Ebene erweist sich gegenüber einem zunehmend konflikthaften politischen Umfeld als erstaunlich stabil. Die ergänzenden Online-Befragungen zeichnen ein differenziertes Bild: In der Gruppe mit hohem politischem Interesse führte die Konfrontation mit Gewaltstatistiken eher bei Männern dazu, dass ihre Bereitschaft zum Engagement sank. Dieser Effekt verringert die bestehende Gender-Lücke tendenziell, da in dieser Gruppe die Bereitschaft der Frauen stabil bleibt. Abschreckend wirken die Informationen allerdings auf Frauen, die sich selbst politisch als weniger interessiert einstufen. Die Forscher sprechen von einem „Pipeline-Problem“: Es fehlt die zweite Reihe, aus der neue Engagierte gewonnen werden können. „Offensichtlich entscheiden sich überhaupt nur Frauen für diesen Weg, die bereits eine hohe Resilienz mitbringen“, erläutert Jeyhun Alizade.

Männer dominieren also weiterhin das Bild in der deutschen Kommunalpolitik. Die Befürchtung, dass die zunehmende verbale und physische Gewalt Frauen noch weiter verdrängen könnte, wird durch die vorliegende Studie zwar nicht bestätigt. Die Ergebnisse sind dennoch beunruhigend. „Eine lebendige Demokratie darf nicht zur Voraussetzung machen, dass ihre Repräsentantinnen und Repräsentanten über eine außergewöhnliche Risikobereitschaft verfügen“, betont Co-Autor Fabio Ellger. „Besserer Schutz der Engagierten ist unabdingbar für eine vielfältige Demokratie.“


Alizade, J., Ellger, F., Grünewald, M. and Tichelbaecker, T. (2025), Does political violence undermine descriptive representation? The case of women in politics. European Journal of Political Research, 64: 2106-2121. Die Studie ist abrufbar unter: doi.org/10.1111/1475-6765.70017

Sie finden einen Artikel zur Studie in den neuen WZB-Mitteilungen: „Politische Gewalt und lokales Engagement - Reagieren Männer anders auf Angriffe als Frauen“. https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2026/f-27510.pdf 

Die Polarisierung der Geschlechter. Der moderne Gender-Gap im Wahlverhalten bis 2025

Lange Zeit galt: Frauen wählen konservativer. Dieser sogenannte Traditional-Gender-Gap hat sich gedreht und in einen Modern-Gender-Gap gewandelt. Frauen wählen im Vergleich zu Männern nun eher linke Parteien, Männer dafür zunehmend Parteien rechts der Mitte. Besonders stark zeigt sich die Polarisierung bei jungen Wähler:innen der letzten Bundestagswahl: Unter den 18- bis 24-Jährigen wählten 35 % der Frauen die Linke, während bei den jungen Männern die AfD stärkste Partei wurde. Die 18-24-Jährigen unterscheiden sich wie keine Altersgruppe sonst in ihrer Parteienwahl. Insgesamt setzten sich mit der Bundestagswahl aber vor allem Entwicklungen fort, die sich schon in den vergangenen Jahren abgezeichnet hatten, wobei sich einige Trends stark beschleunigen. Die von Ansgar Hudde vorgelegte Auswertung zeigt die Trends im geschlechtsspezifischen Wahlverhalten in Deutschland auf – von den langen Linien seit der Nachkriegszeit bis zu den aktuellen Entwicklungen der Bundestagswahl 2025 und diskutiert mögliche weitere Entwicklungen.

Ansgar Hudde: Die Polarisierung der Geschlechter. Der moderne Gender-Gap im Wahlverhalten bis 2025, Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. (Hrsg.), Bonn, 2025. Die Studie kann auf der Website der Friedrich-Ebert-Stiftung als pdf-Datei heruntergeladen werden.

Zu anders für die Macht! Wie mutige Frauen für Gleichberechtigung in der Politik kämpfen.

Warum brauchen wir Gleichberechtigung in der Politik? Wie kommen wir zur Parität? Was heißt eigentlich die fehlenden politische Teilhabe von Frauen für die Demokratie? In diesem Buch schildern Mandatsträgerinnen
und engagierte Frauen die Probleme und teilen ihre persönlichen Erfahrungen. Es sind haupt- und ehrenamtliche Politikerinnen, Frauen, die neu in der Politik sind, aber auch langjährige Politikerinnen mit Regierungserfahrung und auch Frauen ohne Mandat.

Die fehlende Parität bleibt ein Problem. Zu wenige Frauen gehen in die Politik oder sind an Entscheidungsprozessen beteiligt. Kommunikationsformen, digitale Hetze, Sexismus, Ellenbogenmentalität, eine intransparente Ämtervergabe und intersektionale Diskriminierung sowie die fehlende Vereinbarkeit von Mandat und Sorgearbeit schrecken ab. Durch die persönlichen Berichte und Einblicke bietet das Buch viele positive Ansätze und Möglichkeiten ab, die helfen können, die Gleichberechtigung im politischen System herzustellen.

Zu anders für die Macht! Wie mutige Frauen für Gleichberechtigung in der Politik kämpfen. Tannaz Falaknaz, Stefanie Lohaus und Cécile Weidhofer (Hrsg.), Verlag Herder, 1. Auflage 2025.

Mit Kind in die Politik. Gute Praktiken für die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und kommunalpolitischem Ehrenamt

Die EAF Berlin hat eine Studie veröffentlicht, in der die Vereinbarkeit von politischem Engagement und Familie in den Blick genommen wurde. Die Studie kann für kommunale Gleichstellungsbeauftragte oder kommunale Vertretungen eine gute Informationsgrundlage sein, um in den eigenen Gremien Maßnahmen zu initiieren, die das kommunalpolitische Wirken von Müttern und Vätern oder überhaupt von Politiker:innen mit Familienaufgaben verbessern können. Kinderbetreuung, flexiblere Sitzungszeiten, Digitalisierung, wie diese Angebote helfen können, die Vereinbarkeit zu erhöhen, dazu gibt die Veröffentlichung ebenfalls Auskunft. Die Studie von Cécile Weidhofer, Dorothea Walchshäusl und Sarah Friedrich steht auf der Website der EAF zum Download zur Verfügung.

Ratgeber | "Weil es auf uns ankommt“

Die Grenzen des Sagbaren haben sich verschoben. Immer häufiger erleben Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer Religion Herabwürdigungen. Wie kann man diesen Entwicklungen begegnen? Wie geht man mit Parolen um? Wie schafft man es, die eigenen Ansichten zu vertreten, gleichzeitig aber offen zu bleiben? Mit solchen und weiteren Fragen beschäftigt sich der Argumentationsratgeber „Weil es auf uns ankommt – Über den demokratischen Umgang mit Populismus“ vom Deutschen LandFrauenverband e.V. In diesem geht es um „die kleine Populistin in uns selbst“ und wie man Radikalisierung und Ausgrenzung durchbrechen kann. Dabei werden auchTechniken zur Gesprächsführung erläutert, die dafür sorgen, dass der Kampfmodus abgeschaltet wird und man in einen vernünftigen Dialog mit seinem Gegenüber hineinfindet.

Der Ratgeber greift Situationen aus dem Alltag auf und zeigt, wie frau reagieren kann, wenn der oder die Gesprächspartner:in beispielsweise ablehnend auf das Thema „Gendern“ reagiert. Aber es geht auch um die „rote Linie“, also Statements, denen klar und deutlich widersprochen werden muss, denn „Demokratin zu sein heißt, Diskussionen auszuhalten, andere Meinungen zu respektieren, aber ebenso in Gesprächen klare Grenzen zu setzen und den eigenen Standpunkt deutlich zu machen“, so die Präsidentin des LandFrauenverbandes im Vorwort.

„Weil es auf uns ankommt“, Hrsg. Deutscher LandFrauenverband e.V.; www.landfrauen.info.

„Der nächste Redner ist eine Dame“

Frauen in den Parlamenten sind nach wie vor unterrepräsentiert. Der Anteil von Frauen im deutschen Bundestag beträgt 35%. Der neu gewählte 21. Bundestag weist sogar einen noch geringeren Frauenanteil auf. Als im September 1949 der erste Deutsche Bundestag zusammentrat waren unter des 410 Abgeordneten 28 Frauen (6,8%).

Nur wenig ist zum Teil über diese Frauen der ersten Stunde bekannt. Die Veröffentlichung würdigt nun diese 28 Frauen in 5 ausführlicheren Portraits und Kurzportraits aller weiblichen Abgeordneten. Fünf Autorinnen widmen sich sehr unterschiedlich den oft sehr beeindruckenden Lebensgeschichten von Dr. Friederike Mulert (FDP), Jeanette Wolff (SPD), Dr. Luise Rehling (CDU), Dr. Maria Probst (CDU) und Greta Thiele (KPD). Gekennzeichnet sind die Biographien durch Kriegserfahrungen, Verluste und Entbehrungen und trotz allem großem Mut und Willen zur Veränderung und Mitgestaltung der neuen Bundesrepublik. Viele der portraitierten Frauen riefen dazu auf, dass Frauen sich nicht auf sogenannte „Frauenthemen“ wie Gleichberechtigung oder Soziales reduzieren lassen sollten, sondern sich auch um wirtschaft-liche Fragen, Fragen der Rüstung und des Umgangs mit Geflüchteten kümmern sollten. Parteiübergreifend setzten sich die Frauen der ersten Stunden für das Thema Mutterschutz ein.

Nicht alle Frauen haben so viel Eindruck gemacht wie Margot Kalinke, die als begabte Rednerin und auch schlagkräftige Zwischenruferin bekannt war. Die Familie siedelte nach Vertreibung 1925 nach Niedersachsen um. Zunächst zieht Margot Kalinke in den niedersächsischen Landtag ein. Im Bundestag war sie 20 Jahre vertreten. Sie setzte sich für Gleichberech-tigung, auch gegen ihre Partei (CDU) ein. Privat ist sie unangepasst, da sie ledig bleibt und Autorennen fährt. Auch die SPD Abgeordnete Elise Korspeter, die für den Wahlkreis Celle, aufgrund der vielen Erststimmen, in den Bundestag einzog, engagierte sich für Frauenfragen. Auch sie gehörte dem Bundestag 20 Jahre lang an. Sie kümmert sich vor allem um Sozial-politik und Fragen der öffentlichen Fürsorge. Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag gehörte sich noch lange dem Celler Stadtrat an.

Deutscher Bundestag (Hrsg.): „Der nächste Redner ist ein Dame“ Die ersten Frauen im Bundestag, Ch.Links Verlag, 2. Auflage Berlin 2024

Fachbuch | „Politik und Geschlecht“

Was bedeutet politikwissenschaftliche Geschlechterforschung beziehungs-weise feministische Politikwissenschaft? Das Buch „Politik und Geschlecht – Perspektiven der politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung“ bietet einen einführenden Einblick in unterschiedliche politikwissenschaftliche (Forschungs-)Perspektiven auf das Verhältnis von Politik und Geschlecht – insbesondere auch unter Miteinbeziehung queerer und postkolonialer Ansätze.

Unter den drei großen Blöcken „(De)Gendering Politikwissenschaft“, „Konzeptionelle Perspektiven“ und „Themen und Politikfelder“ finden sich zahlreiche Beiträge verschiedener Autor:innen. Sie fassen den aktuellen Forschungsstand zusammen, bieten eine Kontextualisierung in breitere politikwissenschaftliche Debatten und geben durch Lese-Empfehlungen Ansätze für die tiefere Auseinandersetzung. Themen wie „Politische Männlichkeiten“, „Materialistischer Feminismus“ sowie „Das Konzept der Femizide“ werden aufgearbeitet.

„Politik und Geschlecht“: Hrsg. Christine M. Klapeer, Johanna Leinius, Franziska Martinsen, Heike Mauer, Inga Nüthen. Erschienen in der Reihe der Sektion Politik und Geschlecht der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft, Verlag Barbara Budrich; Opladen, Berlin, Toronto, 2024. https://budrich.publisso.de/

Politik an Tisch und Theke

Welche Bedeutung hat gemeinsames Essen für die politische Kommunikation? Welchen Einfluss auf Entscheidungen und Prozesse haben Zusammenkünfte von Mandatsträgern (in diesem Fall tatsächlich überwiegend männlich) an Tisch und Theke? Und welche Rolle spielt der Alkohol dabei? Fragen wie diesen geht die Politikwissenschaftlerin Nicola Trenz in ihrer Masterarbeit am Beispiel der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn nach, deren Gaststätten und Kneipen in den ersten 50 Jahren nach dem Krieg als „Hinterzimmer der Macht“ bezeichnet wurden. Dort traf man sich, mal sorgfältig abgeschirmt von der Bevölkerung, mal in aller Öffentlichkeit, zum Essen und Trinken in trauter Runde, traf Absprachen mit dem politischen Gegner oder feierte eigene Siege.

In vielen Interviews kommen Beteiligte der Bonner Republik selbst zu Wort. Dazu zählen sowohl Abgeordnete als auch Mitarbeiter:innen, Journalist:innen, Lobbyisten oder gastronomisches Personal, die von interessanten Begebenheiten und Details berichten. Trenz untersucht zudem die Gaststättenlandschaft des politischen Bonns, in dem sie drei Einrichtungen und ihre Bedeutung näher analysiert: Das Weinhaus Maternus, das auch die „Heimliche Schaltzentrale der Republik“ genannt wurde, die Parlamentarische Gesellschaft, die eine große Rolle für das politische Leben einnahm, und die „Provinz“, die die unkonventionellen Politiker anzog, wie die jungen Abgeordneten der SPD oder den Grünen.

Nicola Trenz: „Politik an Tisch und Theke – Wie in Bonner Kneipen große Politik gemacht wurde“, BonnBuchVerlag, 300 Seiten, 24,80 Euro.